Marktmodelle

Beschreibung des neuen Gasmarktmodells 2013

Mit 01.01.2013 wurde die österreichische Gaswirtschaft entsprechend den Bestimmungen des Gaswirtschaftsgesetzes (GWG 2011) und der Gas-Marktmodell-Verordnung (GMMO-VO) neu geordnet. In Mittelpunkt des neuen Regelwerks stehen die Bilanzgruppen und die durch diese vertretenen Kunden.

Das neue Gas-Marktmodell wandelt die bisherigen drei Regelzonen in sogenannte Marktgebiete (Ost, Tirol und Vorarlberg), wobei nur das Marktgebiet Ost auch über Fernleitungen (früher als Transitleitungen bezeichnet) verfügt. Die Verteilergebiete im jeweiligen Marktgebiet umfassen ausschließlich Verteilerleitungsanlagen.

Verantwortlich für die Koordinierung der Netzsteuerung im Marktgebiet Ost ist der Marktgebietsmanager (MGM) im Zusammenwirken mit dem Verteilergebietsmanager (VGM). Beiden obliegt neben anderen Pflichten auch die Erstellung von einheitlichen Berechnungsschemata zur Ermittlung und Ausweisung von Kapazitäten an Einspeise- (Entry-) und Ausspeise- (Exit-)punkten und die Koordination des Ausbaus und der Instandhaltung der Fern- und Verteilerleitungen. Neben diesen eher technischen Aufgaben hat der MGM auch die im Marktgebiet Ost tätigen Bilanzgruppen zu verwalten. Jeder Kunde ist entweder direkt oder indirekt (über seinen Versorger) Mitglied einer Bilanzgruppe.

Im Marktgebiet Ost wurde das bisherige System von Kapazitätsbuchungen auf der Basis von vertraglich vereinbarten Transportpfaden durch ein Entry/Exit-System abgelöst. Das Entry/Exit-System ermöglicht, Kapazitäten an Entry- und Exit-Punkten unabhängig voneinander zu buchen und zu handeln. Kapazitäten an Entry-Punkten sind von Händlern und Versorgern zu buchen und berechtigen zur Einspeisung von Gasmengen in das Fernleitungsnetz eines Marktgebiets und zum Transport der Gasmengen zum virtuellen Handelspunkt (VHP). Kapazitäten an Exit-Punkten berechtigen zum Transport vom VHP zum Exit-Punkt und zur Ausspeisung dieser Gasmengen aus dem Fernleitungsnetz. Der virtuelle Handelspunkt ist keinem physischen Entry- oder Exit-Punkt zugeordnet und ermöglicht es den Marktteilnehmern, auch ohne Kapazitätsbuchung Erdgas zu kaufen oder zu verkaufen. Eine Einlieferung an einem Entry-Punkt kann unabhängig von der Entnahme an den Exit-Punkten getätigt werden und vice versa. Dies wird dadurch ermöglicht, dass alle Gastransporte durch das Marktgebiet von MGM und VGM koordiniert und nötigenfalls auch aktiv in Balance gehalten werden.

Im Verteilergebiet bucht und verwaltet der VGM die Entry- und Exit-Kapazitäten zwischen den Fernleitungs- und Verteilernetzen, um den Versorgern dort einen unterbrechungsfreien Übertritt bieten zu können. Darüber hinaus vermarket der VGM die Entry- und Exit-Kapazitäten an den kleinen Grenzübergabepunkten im Verteilernetz sowie zu den Produktions- und Speicheranlagen. Der VGM steuert auch den Gasfluss und ist für die Druckhaltung im Verteilergebiet verantwortlich.

Zwischen den genannten Marktteilnehmern (Marktgebiets- und Verteilergebietsmanager, Fernleitungs- und Verteilernetzbetreiber, Bilanzgruppen und Versorger sowie die Betreiber der virtuellen Handelspunkte) erfolgt zur Abwicklung der Gasflüsse ein streng formalisierter und automatisierter Austausch von Daten. Die Zuordnung der Gasflüsse zu den einzelnen Teilnehmern sowie die Inanspruchnahme von Ausgleichsenergie zum Ausgleich von Ungleichgewichten erfolgt für die beabsichtigten Ein- und Ausspeisungen durch den MGM (ex ante). Der VGM sorgt mit Ausgleichsenergieabrufen von der Gasbörse am VHP sowie von der Merit Order List des Bilanzgruppenkoordinators für den laufenden Ausgleich zwischen den angemeldeten und den tatsächlichen Gasverbrauchsmengen zur Aufrechterhaltung der Netzstabilität und Versorgungssicherheit in den Verteilergebieten. Die Zuordnung der tatsächlichen Anlieferungen und Verbräuche sowie der dabei aufgetretenen allfälligen Ungleichgewichte erfolgt wie bisher durch den Bilanzgruppenkoordinator (ex post).

Grafik - Marktmodell Ost:

In den Marktgebieten Tirol und Vorarlberg wurde das Gas-Marktmodell COSIMA am 01.10.2013 erfolgreich etabliert. Es ermöglicht die Anbindung der Marktgebiete Tirol und Vorarlberg an das deutsche Marktgebiet NetConnect Germany (NCG). Dies ist erforderlich, weil beide Marktgebiete zwar nicht mit dem Marktgebiet Ost verbunden sind, jedoch über physische Zugänge in das Marktgebiet der NCG. In den Marktgebieten Tirol und Vorarlberg gelten zum Teil gesonderte Regelungen, die aber im Wesentlichen mit jenen im Marktgebiet Ost übereinstimmen. COSIMA sieht vor, dass der VGM beim vorgelagerten deutschen Fernleitungsunternehmen die Exit-Kapazitäten bucht und die Ausgleichsenergie im deutschen Marktgebiet NCG beschafft. Die Übergabe der für Tirol oder Vorarlberg bestimmten Erdgasmengen erfolgt per Nominierung am VHP der NCG. Der VGM übernimmt die Erdgasmengen am deutschen VHP und organisiert den Transport in die Marktgebiete Tirol und Vorarlberg. Eine am deutschen VHP übergebene Gasmenge gilt dabei nach dem Prinzip „alloziert wie nominiert“ unmittelbar als in Tirol oder Vorarlberg eingeliefert. Aus der Perspektive deutscher Bilanzkreise gibt es darüber hinaus keine weiteren Besonderheiten für Transporte in die Marktgebiete Tirol und Vorarlberg zu beachten. Die Übergaben der Gasmengen am deutschen VHP von den deutschen Bilanzkreisen, werden den korrespondierenden Bilanzgruppen in Österreich zugeordnet. Fahrplananmeldungen dieser Bilanzgruppen zur Endkundenversorgung in Tirol und Vorarlberg werden saldiert und den am deutschen VHP von den jeweils korrespondierenden Bilanzkreisen übergebenen Gasmengen gegenübergestellt. Auf diese Gasmengen finden gemäß den österreichischen Marktregeln die Mechanismen der Ausgleichsenergieabrechnung Anwendung. Die Abrechnung der Ausgleichsenergie erfolgt durch den zuständigen Bilanzgruppenkoordinator. Ebenso obliegt dem Bilanzgruppenkoordinator die Verwaltung der Bilanzgruppen in den Marktgebieten Tirol und Vorarlberg.

Grafik - Marktmodell COSIMA

Parallel zur Umstellung auf das Entry/Exit-System trat am 01.01.2013 auch ein neues Tarifierungssystem in Kraft. Dieses bewirkte – neben einer grundlegenden Neuverteilung der Kapazitätsrechte – eine Neuordnung der Tarifierung. Während die Kosten des Fernleitungs- und des Verteilernetzes bisher dem Konsumenten über die Netztarife in Rechnung gestellt wurden, ist seit dem 01.01.2013 der Versorger Rechnungsadressat der Tarife (Entry-, Exit-Fees), die an den Ein- und Ausspeisepunkten zu bezahlen sind, d.h. dass der Anteil der Fernleitungskosten nicht mehr in den Netztarifen abgegolten wird, sondern mit dem Preis für das Erdgas in Rechnung gestellt wird. Die Netznutzungsentgelte an den Einspeisepunkten aus Produktion bzw. Erzeugung von biogenen Gasen ist vom Produzenten bzw. vom Erzeuger von biogenen Gasen und an den Ausspeisepunkten in Speicheranlagen von den Speicherunternehmen, die Erdgasspeicher vermarkten, zu entrichten. Die Kosten der jeweiligen Verteilernetze werden – so wie bisher – jenen Endkunden nach Arbeit und Leistung verrechnet, die an dieses Verteilernetz angeschlossen sind.

Anmerkung:

Die AGGM Austrian Gas Grid Management AG als bundesweiter Verteilergebietsmanager (VGM in den drei Marktgebieten Ost, Tirol und Vorarlberg) ist für die in § 18 GWG 2011 sowie die im Energielenkungsgesetz vorgesehenen Aufgaben verantwortlich. Diese umfassen im Wesentlichen das Netzzugangs- und Kapazitätsmanagement, die Gasflusssteuerung, die Erstellung einer Langfristigen Planung für die Verteilerleitungsanlagen der Netzebene 1 sowie das Krisenmanagement in Engpasssituationen.